Voll daneben

Ich wollte hier in Zukunft alle Arbeitsschritte festhalten, auch diejenigen, die voll in die falsche Richtung steuern. Deshalb hier wenigstens in aller Kürze das Protokoll eines Reinfalls. Aber insgesamt gesehen hatte ich wohl noch Glück, weil ich es wenigstens frühzeitig gemerkt habe.

Mit dem bunten Tuch (siehe vorherigen Eintrag) hat es ja bestens geklappt. Deshalb plante ich gleich ein zweites, und das Material dafür sollte meine Babyalpaca sein. Diese Wolle habe ich im letzten Jahr in LaPaz gekauft. Der Hersteller bietet normalerweise nur Konfektion aus Alpacawolle an; das Strickgarn konnte ich auf der HP nicht finden.



Die fünf runden Knäuel links sind die aus Bolivien. Es sind genau die fünf Knäuel, die im Laden lagen. In so einer Situation achtet man nicht auf zusammenpassende Farben. Ich habe einfach den Bestand gekauft. Die Wolle ist sagenhaft weich und angenehm im Griff. Eine Lauflängenangabe fehlt auf der Banderole, aber die Wolle hat jedenfalls Sockenwollstärke.

Ich wollte ursprünglich eine Jacke machen und kaufte deshalb im Herbst die hellen Drops-Knäuel rechts dazu - war ein Sonderangebot. Das Garn ist mit 180 m auf 50 gr etwas dicker. Die bunte Wolle, die oben liegt, ist ein altes Restknäuel, auch Alpaca. Ich habe es vor Jahren mal mit KoolAid gefärbt.

Mit diesem Vorrat - insgesamt über 600 Gramm - sollte sich was Nettes machen lassen. Ich hatte so halbwegs Pläne für eine Jacke gemacht, obwohl ich die wahrscheinlich kaum tragen werde, weil Alpaca so furchtbar warm ist, aber manchmal kann man's doch brauchen. (Und wann habe ich mich je gefragt, ob ich etwas Selbstgestricktes wirklich BRAUCHE oder nicht?) Neuerdings habe ich mir aber auch überlegt, ein Tuch daraus zu stricken. Die Drops würde ich dann weglassen und das Tuch als Erinnerung an LaPaz ansehen.

Lasse ich die Drops weg, habe ich von jeder Farbe genau gleich viel. Das erschwert die Wahl des Musters. Beim Wälzen der Mustervorlagen stieß ich auf ein sehr interessantes Muster in dem Buch "Norsk Strikkedesign". Es stammt von Betty Hermansen und stellt Kringel dar, die erstens in entgegengesetzte Richtungen laufen und zweitens unterschiedliche Farben haben. Der Rapport war 28 Maschen breit und ich war zuversichtlich, ihn mit etwas Gebastel auf 24 Maschen - die Lochkartenbreite - stauchen zu können. Also vertiefte ich mich in das Muster und versuchte, eine Vorlage für die Lochkarte zu erstellen.



Nach sehr viel Herumprobieren - ich übertreibe jetzt definitiv nicht, es waren mehrere Stunden - hatte ich das Prinzip begriffen: Es gibt nur zwei verschiedene Arten von Kringeln. Jeder Kringel ist die Spiegelung des darunter liegenden Kringels. Überdies wechselt die Farbgebung: Die Hintergrundfarbe jedes Kringels wird beim darüber liegenden Kringel zur Vordergrundfarbe und es kommt eine neue Farbe als Hintergrundfarbe dazu.

Mir erschien dieses Muster mit den gegenläufigen Kringeln sehr passend. Denn in LaPaz gibt es tatsächlich am Regierungsgebäude eine Uhr, die rückwärts läuft. Unser Guide in Bolivien, ein sehr netter Herr namens Rodriges, der in Deutschland Literatur und Politik studiert hatte (seine Mutter war wegen politischer Verfolgung von Bolivien nach Deutschland geflohen), meinte, man könne vermutlich ein Vermögen verdienen, wenn man solche Uhren als Souvenir anböte. Ich weiß nicht, warum er es nicht selbst versucht hat. (Und ich habe selten einen Menschen getroffen, der bewusst und selbstironisch einen derart breiten Spagat zwischen zwei Kulturen macht.)

Kurz und schlecht, ich kapierte irgendwann das Muster, beschloss, das Tuch "reloj curioso" (= komische Uhr) zu nennen und stanzte die Lochkarte. Ich machte mir einen schnellen Plan, welche Farbe wann Hintergrund- und wann Vordergrundfarbe sein sollte, und strickte drauflos. Vorher setzte ich sogar noch ein paar neue Nadeln ein, denn ich wollte das Tuch so groß wie möglich (200 Nadeln maximale Breite) stricken und mir fehlten ein paar Nadeln an den Rändern.

Ich hatte mit Feuereifer ein kleines Dreieck gestrickt, als mir irgendwann aufging, dass ich am linken Rand (der später die Oberkante des Tuchs wird) ein halbes Muster hatte. Mist, das hatte ich mir nicht richtig überlegt. Unten an der Spitze würde das nichts ausmachen, aber oben, über die volle Breite, wollte ich das nicht. Ein Glück, das mir das relativ früh eingefallen war und nicht erst in der Mitte der Arbeit. Ich nahm mein Dreieck von der Maschine, drehte es um und guckte es erst mal kritisch an.



Ich habe es hier aufgenadelt. Also, das geht gar nicht. Dieses Muster über ein ganzes großes Tuch - nein, es wäre schön gewesen, weil es so gut zu der irren Uhr in LaPaz gepasst hätte, aber es geht überhaupt nicht, unmöglich, rein gar nicht. Und so werde ich das Eckchen wieder ribbeln und nun wahrscheinlich doch eine Jacke stricken. Auch, wenn sie eigentlich viel zu warm ist und so gut wie nie gebraucht wird. Aber wann hätte ich mich je gefragt, ob ich etwas Selbstgestricktes brauche?
iGing - 13. Dez, 12:43

Ja, schön wär's gewesen ... wirklich schön ...
Wegen der übergroßen Wärme gibt es bei mir nur einen Alpaka-Schal (die Wolle aus Peru), aber auch damit hat man schon seine liebe Not - ich stricke per Hand -, da das Material sich rutschig anfühlt und daher schon ein einfaches Patentmuster zur Herausforderung wird. Ich glaube, damit werde ich auch keinen Blumentopf gewinnen. Naja, muss man ihn halt in den Mantel oder in die Jacke stopfen.

schmollfisch - 13. Dez, 17:16

Ich denke schon die ganze Zeit über die Wolle nach .... und so langsam kommen mir Zweifel, ob ein Einstrickmuster überhaupt die richtige Wahl wäre. Vielleicht sollte ich lieber Intarsien stricken?

Jetzt geht es wieder an die Musterbücher, seufz ...
iGing - 13. Dez, 20:55

Intarsien für ein Tuch finde ich sehr gut, das macht jedenfalls das Tuch leichter bzw. die Wolle reicht für mehr Tuch.
Für einen Schal fände ich es nicht so gut, weil ich zu dünne Wollschals nun auch wieder nicht mag und man beim Schal, wenn man ihn über dem Mantel trägt, ja auch leichter die Rückseite zu sehen bekommt.

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